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Der Digitalisierungsgrad im Handwerk – im Interview mit Andreas Owen

Der Digitalisierungsgrad im Handwerk – im Interview mit Andreas Owen

Als Gründer von Internet-Unternehmen kennt sich Andreas Owen mit der Digitalisierung aus. Bei der Recherche für sein Empfehlungs-
portal „wirsindhandwerk.de“ fiel ihm auf, dass es dazu jedoch kaum Angaben über den Digitalisierungsgrad im Handwerk gegeben hat. Diesen Umstand wollte er ändern und hat eine breit angelegte Studie mit dem Titel „Das Digitalisierungsbarometer für das Bau- und Ausbauhandwerk“ durchgeführt. Wir haben mit ihm gesprochen. Hier das komplette Interview:


Herr Owen, was hat Sie genau zu der Studie bewegt?


Andreas Owen: Ich wollte wissen, wie digital das Handwerk ist und den Digitalisierungsgrad in den einzelnen Gewerken kenntlich machen und dabei nicht nur die Handwerker, sondern auch die Industrie, Verbände und Organisationen sowie Endkunden befragen. Bei unserer 360-Grad-Studie haben wir sogar den Nachwuchs mit einbezogen. Das gab es in der umfassenden Form so noch nicht.


Was waren die größten Herausforderungen?


Andreas Owen: Das war die Befragung der Handwerksbetriebe. Da wir niemanden durch eine Online-Befragung ausschließen wollten, haben wir am Ende allein 1800 Betriebe telefonisch befragt, das ist nach unserem Wissen die größte telefonische Erhebung, die es bisher im Handwerk gegeben hat. Der zeitliche Aufwand war immens, nach einer zweijährigen Vorbereitungszeit hat die Umsetzung neun Monate gedauert.


Und hat der Aufwand sich gelohnt?


Andreas Owen: Ich denke schon, denn im Bau- und Ausbaugewerk können wir jetzt acht Gewerke hinsichtlich des Digitalisierungsgrads miteinander vergleichen. Und wir haben eine Grundlage geschaffen, um das Digitalisierungsbarometer auch in den kommenden Jahren fortschreiben zu können.


Die Gewerke erhalten beim Digitalisierungsbarometer im Durchschnitt einen Wert von 37, in der Spitze aber 88 von 100 möglichen Punkten. Wie ist diese Diskrepanz zu erklären?


Andreas Owen: Die Handwerksbetriebe bemühen sich, digitaler zu werden, aber es ist noch Luft nach oben. Oftmals gibt es keine ganzheitliche Digitalisierungsstrategie, und daher werden nur einzelne Tools eingesetzt. Bei vielen Handwerksbetrieben ist es auch eine Frage der Zeit und des Know-Hows. Es hängt im weiteren Sinne auch mit verschiedenen Sinusmilieus zusammen. Gemeinsam mit Wolfgang Plöger (Anm. d. Red.: mehr als 15 Jahre Teil des Management-Boards des Sinus-Instituts) haben wir gewisse Typologien herausgearbeitet und diese Typen nach ihrer Haltung zum Handwerk, zur Digitalisierung befragt. Wir wollten dabei nicht wissen, welche digitalen Programme genutzt werden, sondern welche Haltung sie zur Digitalisierung haben. Da gibt es Gruppierungen wie z.B. den „Strategischen oder Digitalen Handwerker“, die weitaus digitaler eingestellt sind, als der Rest. Wenn man den mit dem traditionellen oder bodenständigen Handwerker – in der Regel eher ländlich angesiedelt, deutlich älter als 50 und eher ein kleinerer Betrieb – vergleicht, dann wird klar, wieso die einen digitaler sind und andere nicht.


Aber müssen nicht gerade die traditionellen und bodenständigen Handwerker in Sachen Digitalisierung aufholen? Wenn man nicht mit der Zeit geht, geht man mit der Zeit…

Andreas Owen: Das würde bedeuten, dass sich dieser Betrieb nicht mehr mit Neuerungen auseinandersetzt und so weiterarbeitet wie bisher. Das würde in einem gewissen Rahmen sicherlich funktionieren. Solche Betriebe denken eher in Richtung Ruhestand, sind nicht mehr innovativ, agil und haben auch nicht mehr die Energie und Kraft, das Unternehmen auf Links zu drehen. Aus Sicht der handwerkspolitischen Arbeit ist dieser Strukturwandel erheblich, weshalb solche Traditionsbetriebe unterstützt werden müssen. 


Es wird aber auch Betriebe geben, die auch ohne Digitalisierung gute Arbeit abliefern und ausgelastet sind.


Andreas Owen: Ja, in der Tat. Solche Betriebe haben oft Strukturen, die sich noch nie verändert haben. Allerdings gilt auch hier, dass aus Endverbrauchersicht eine digitale Darstellungsform des Betriebs immer entscheidender wird. Laut unserer Studie bevorzugen 89 Prozent der Endkunden einen Handwerksbetrieb, der gute Bewertungen im Internet hat. Immer mehr gewünscht werden auch Online-Kalkulatoren, so dass ein Endverbraucher schon einmal grob im Bild ist, was zum Beispiel sein neues Traumbadezimmer kostet. Auch für die Gewinnung von Fachkräften und Auszubildenden sind Angaben über Kundenzufriedenheit durchaus relevant. Ebenso wie der Aspekt, wie fortschrittlich und innovativ ein Betrieb ist.


Kann man sagen, je größer der Betrieb, desto digitaler ist er?

Andreas Owen: Tendenziell, ja. Betriebsgröße, Umsatz, städtisch oder ländlich, das Alter des Betriebsinhabers spielen eine Rolle. Auch diejenigen, die ein Studium absolviert haben, sind digitaler unterwegs.


Wie können Kooperationsplattformen wie „Handwerk Connected“ die Betriebe bei der weiteren Digitalisierung unterstützen?

Andreas Owen: Grundsätzlich finde ich den digitalen Zusammenschluss von Handwerksbetrieben immer gut, sofern die Nachfrage mit guter Qualität und Know-How bedient wird. Ähnliche Strukturen sind teilweise auch analog vorhanden: Fliesenleger kennen Maler, der Maler arbeitet immer mit dem gleichen Elektriker zusammen… Insofern transportieren Kooperationsplattformen wie „Handwerk Connected“ die analogen Strukturen nicht nur in die digitale Welt, sondern vergrößern auch noch das Netzwerk. Vor allem bei größeren Projekten kann es sinnvoll sein, wenn sich mehrere Betriebe vernetzen und austauschen können.


 „Handwerk Connected“ hilft Betrieben auch dabei, Personalengpässe zu meistern. Wie wichtig ist das für die Zukunft?


Andreas Owen: Entscheidend ist die Sichtweise des Endkunden, und der möchte vor allem bei größeren Projekten auch mal „alles aus einer Hand“ haben. Insofern ist auch das ein weiterer guter Ansatz. Und aus Sicht des Handwerksbetriebs gilt, regelmäßig über den Tellerrand hinauszublicken: Was machen andere? Was gibt es Neues, das mir vielleicht helfen kann? Der Digitalisierungs-Prozess im Handwerk wird dadurch angeschoben bzw. unterstützt.


Welche weiteren Vorteile haben die Endkunden von einer stärkeren Digitalisierung des Handwerks?

Andreas Owen: Transparenz, Zeitersparnis, schnellere Reaktionszeit des Handwerkers bei Anfragen. Da ist eine klare Erwartungshaltung vorhanden. Der Handwerker muss umdenken und sich Tools zulegen, die ihm dabei helfen.


Macht ein höherer Digitalisierungsgrad die Betriebe für Auszubildende attraktiver?


Andreas Owen: Die Studie zeigt, dass die Jugend vornehmlich auf die Work-Life-Balance schaut. Auch das Einkommen ist ihnen wichtig. Der Wunsch nach einer Arbeit mit den Händen liegt auf der Prioritätenliste eher weiter hinten. Wer guten Nachwuchs gewinnen will, muss an der Einkommensschraube und an der Work-Life-Balance drehen.


Damit rennen Sie keine offenen Türen ein…

Andreas Owen: Das ist eine handwerkspolitische Frage. Ich habe viele Betriebe kennengelernt, die sehr viel Wert auf Qualität legen und wirtschaftlich daher gesund dastehen. Ein Auszubildender kann dann in so einer Konstellation über den Vorgaben des Auszubildendenlohns vergütet werden oder andere Benefits bekommen. Es gibt eine klare Tendenz, dass man mehr bieten muss, als es gesetzlich vorgeschrieben ist.


Wenn Sie einen Handwerksbetrieb hätten, womit würden Sie heute starten?


Andreas Owen: Eine besondere Affinität habe ich nicht. Ich habe im Rahmen der Studie so viele großartige Handwerksbetriebe kennengelernt, die jeden Tag einen wunderbaren Job machen. Die Arbeitsleistung ist in jedem Bereich wichtig und wertvoll. Für mich wäre nicht entscheidend, welches Gewerk ich ausführen würde, sondern wie ich es tue. Ich wäre bestens digitalisiert, um die Qualität weiter zu steigern und den Ansprüchen der Kunden ständig gerecht zu werden.


Vielen Dank für dieses interessante Gespräch! Und alles Gute für die Zukunft!


Weitere Infos zum Digitalisierungsbarometer: Das Digitalisierungsbarometer ist ein breit angelegtes, deutschlandweites Forschungsprojekt, das erstmalig den Grad der Digitalisierung unterschiedlicher Gewerke des Bau- und Ausbauhandwerks analysiert und regelmäßig fortgeschrieben werden kann. Initiator und Herausgeber der Studie ist die Empfehlungs- und Bewertungsplattform „wirsindhandwerk.de“ in Zusammenarbeit mit Lab4Innovations und Unterstützung des Baden-Württembergischen Handwerkstags (BWHT), der Deutschen Bank (Hauptsponsor), Signal Iduna, dem ZDH und des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau. Über neun Monate wurden bis Oktober 2020 in Telefon- und Online-Erhebungen 1800 Handwerker, 1000 Endkunden, 900 Jugendliche und 70 Experten befragt.

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